Populistische Parteien und die COVID-19-Impfung

Demonstration mit Schild "Dagegen!"

Eine Erklärung für die AfD-Impflücke

Die schnelle Entwicklung von mRNA-Impfstoffen gegen COVID-19 und die flächendeckende Einführung eines Impfprogramms in Deutschland zählen zu den wichtigsten gesundheitspolitischen Maßnahmen während der Pandemie. Auffällig ist, dass AfD-Sympathisierende im Jahr 2021 deutlich seltener geimpft wurden als andere Gruppen der wahlberechtigten Bevölkerung. Wie die folgende Abbildung zeigt, wuchs die Impflücke zwischen AfD-Unterstützenden und anderen Wählerinnen und Wählern von März bis Oktober 2021 auf 28 Prozentpunkte an.

Liniendiagramm zur COVID-19-Impfquote nach politischer Nähe zur AfD (Sonntagsfrage) von März bis Oktober 2021. Auf der y-Achse stehen Prozentwerte von 0 bis 100, auf der x-Achse die Monate März, April, Mai, Juni, Juli, August, September und Oktober. Zwei Gruppen werden verglichen: Schwarze Linie = AfD-Nicht-Sympathisierende, blaue Linie = AfD-Sympathisierende (jeweils mit Fehlerbalken). Die Impfquote steigt in beiden Gruppen über die Monate an, liegt jedoch durchgehend deutlich niedriger bei AfD-Sympathisierenden. Bei AfD-Nicht-Sympathisierenden steigt der Anteil von etwa 10 % im März auf rund 90 % im Spätsommer/Herbst. Bei AfD-Sympathisierenden steigt er von unter 10 % im März auf etwa 55–60 % im September/Oktober, mit stärkeren Schwankungen und größeren Unsicherheiten. Untertitel der Grafik: „Deutlich geringere Impfquote“. Quelle: Infratest dimap Mehrthemenbefragung, monatlich ca. 1.000 Befragte, März bis November 2021.

Obwohl die AfD offiziell keine einheitliche Impfablehnung propagierte, äußerten führende Parteimitglieder immer wieder Kritik und verbreiteten Zweifel an der Wirksamkeit der Impfungen. Diese Polarisierung ist kein rein deutsches Phänomen: Internationale Studien zeigen, dass Sympathisierende extremer Parteien, egal ob links oder rechts, häufig skeptischer gegenüber Impfungen sind. Für Deutschland wurde dies früh auch für die AfD dokumentiert (Jäckle und Timmis 2023); bisher jedoch ohne systematische Analyse der zugrunde liegenden Gründe.

Dieser Beitrag untersucht, welche Faktoren die AfD-Impflücke erklären können. Dabei nutzen wir das Health-Belief-Modell (Rosenstock 1974, Green et al. 2020), das davon ausgeht, dass individuelle Überzeugungen das Gesundheitsverhalten beeinflussen. Wichtige Aspekte sind Wahrnehmung der persönlichen Anfälligkeit für eine Krankheit (susceptibility), die Schwere möglicher Folgen (severity), der erwartete Nutzen einer Maßnahme (benefits) und die wahrgenommenen Kosten (barriers). Auf Basis dieser Annahmen betrachten wir vier Dimensionen:
1. Individuelle Einstellungen: Angst vor COVID-19, Sorge um persönliche Sicherheit, ökonomische Belastungen und Einschränkungen der persönlichen Freiheit.
2. Soziale Exklusion und politisches Vertrauen: Gefühl der Ausgrenzung, mangelnde politische Vertretung und geringes Vertrauen in die Regierung.
3. Sozioökonomische Lage: Bildung, Erwerbsstatus, Haushaltsgröße, Einkommen, Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund.
4. Belastungen durch COVID-19: Infektionen, wahrgenommene Jobunsicherheit, wahrgenommene Belastungen durch Kontaktbeschränkungen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit.

Die Datengrundlage bilden monatliche Querschnittsdaten von jeweils etwa 1.000 Individuen, die von infas im Rahmen einer Mehrthemenbefragung von März bis Oktober 2021 erhoben wurden. Die Stichproben basieren auf repräsentativen Bevölkerungsquerschnitten ab 18 Jahren und wurden nach dem Häder-Gabler-Verfahren ausgewählt, einem Standardverfahren der dem Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute e.V. (ADM) angehörenden Institute (infas, 2023). Die Befragung umfasst ausschließlich soziale und politische Themen (ohne Marktforschungsfragen) und erzielt typischerweise vergleichsweise hohe Response-Raten. Für die vorliegende Studie stehen Daten von 8.114 Befragten zur Verfügung, für 7.780 Personen liegen vollständige Angaben ohne Ausfälle vor. Detaillierte Informationen zu Fragestellung und gruppenspezifischen Antworten finden sich in Patzina et al. (2025).

Säulendiagramm mit dem Titel „(Un)Erklärte Anteile der AfD-Lücke im Covid 19-Impfverhalten“. Die Daten stammen aus der infas Mehrthemenbefragung (März bis November 2021, monatlich n ≈ 1.000). Zusammensetzung der Anteile: unerklärt: 35 % (schwarze Säule) erklärt (gesamt): 65 % (blaue Säule) Aufschlüsselung des erklärten Anteils (blaue, schraffierte Säulen): persönliche Überzeugungen und populistische Einstellungen: 31 % soziale Ausgrenzung und politische Vertretung: 18 % sozioökonomische Lage: 11 % COVID-19 Belastung: 6 %

Die Ergebnisse zeigen (siehe Abbildung oben): Etwa 65 % der Lücke von 28 Prozentpunkten lassen sich erklären, 35 % bleiben unerklärt. Am stärksten wirken persönliche Einstellungen (30,9 %), gefolgt von sozialer Exklusion und mangelnder politischer Vertretung (18,2 %). Sozioökonomische Faktoren tragen 10,6 % bei, direkte COVID-19-bezogene Belastungen nur 5,5 %. Besonders auffällig: AfD-Sympathisierende geben deutlich seltener an, Angst vor einer Infektion zu haben, fühlen sich aber häufiger sozial ausgegrenzt und politisch unterrepräsentiert.

Die Ergebnisse zeigen, dass das politische Klima das Gesundheitsverhalten stark beeinflusst. Unterschiede in Risikowahrnehmung und Vertrauen in die Politik führen zu einer geringeren Impfbereitschaft und verdeutlichen ein Dilemma: Längere und striktere Maßnahmen könnten die Akzeptanz weiterer Maßnahmen wie Impfungen zusätzlich gefährden. Zugleich wird deutlich, dass wahrgenommene Einschränkungen teilweise selbst auf geringes Impfverhalten zurückzuführen sind. Dieser Aspekt wird im öffentlichen Diskurs häufig übersehen.

Insgesamt liefert die Analyse Hinweise darauf, dass soziale und politische Faktoren, kombiniert mit individuellen Einstellungen, entscheidend für das Impfverhalten sind. Für die Praxis bedeutet das: Gesundheitskampagnen sollten nicht nur medizinische Fakten vermitteln, sondern auch das Vertrauen in politische Institutionen stärken und soziale Exklusion adressieren.

Zum Weiterlesen:
Green, Edward C., Elaine M. Murphy, und Kristina Gryboski. 2020. The Health Belief Model. The Wiley Encyclopedia of Health Psychology, eds. Kate Sweeny, Megan L. Robbins, Lee M. Cohen, 211–214. Hoboken, NJ: Wiley.
infas. 2023. Das infas-Panel (01. September 2023). https://www.infas.de/infas-panel/.
Jäckle, Sebastian, und James K. Timmis. 2023. Left-Right-Position, party affiliation and regional differences explain low COVID-19 vaccination rates in Germany. Microbial Biotechnology 16(3):662–677.
Patzina, Alexander, Dietrich, Hans, Ruland, Michael, und Hofmann, Rasmus. 2025. Populist Party Support and COVID-19 Vaccination: Explaining the AfD Vaccination Gap. Kölner Z Soziol. https://doi.org/10.1007/s11577-025-01015-y
Rosenstock, Irwin M. 1974. Historical Origins of the Health Belief Model. Health Education Monographs 2(4):328–335.

Dieser Beitrag wurde zuerst in Lagemaß 15 „Wandel“ veröffentlicht.