Die Welt, die wir erleben wollen

Das Vermächtnis

Zur Studie

Welche Welt wollen Menschen in Deutschland erleben, wie sehen sie sich selbst in dieser Welt? Wo zeigen sie Bereitschaft zur Veränderung, wo gibt es gesellschaftliche Blockaden? Diese Fragen versuchen  DIE ZEIT, infas und WZB mit ihrer Vermächtnisstudie zu beantworten, indem ihr Fragebogen nacheinander drei Dimensionen anspricht:

1. Das Hier und Jetzt: Wie leben Menschen und welche Wünsche und Erwartungen haben sie heute für sich persönlich?
2. Die normativen Vorstellungen: Wie sollte die Gesellschaft nach Meinung der Menschen sein, was wäre in ihren Augen richtiges Handeln und Verhalten?
3. Die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt: Wie werden das Denken, das Fühlen und das Handeln der Mitmenschen wahrgenommen und in die Zukunft projiziert?

Gesamtgesellschaftlich aufschlussreich ist der Dreiklang dieser Fragen. Doch bereits jede einzelne Fragedimension bringt für sich genommen schon interessante Ergebnisse:

1. Das Hier und Jetzt: Was alle Menschen im Alter von 14 bis 80 Jahren verbindet, ist der unabdingbare Wunsch nach Gemeinschaft, nach Nähe, nach einem Wir-Gefühl. Auch der Wunsch nach Erwerbstätigkeit ist eine Gemeinsamkeit dieser Generationen. Erwerbstätigkeit steht dabei für einen sicheren Arbeitsplatz und Sinn, nicht notwendigerweise aber für eine Karriere mit sozialem Aufstieg. Für diese Interpretation spricht auch, dass die große Mehrheit der Befragten angibt, auch dann arbeiten zu wollen, wenn sie das Geld gar nicht brauchen. Was alle Menschen in Deutschland weiterhin gemeinsam haben, sind der Wunsch nach Gesundheit, die Lust am Leben und das Recht auf einen würdevollen Tod. Bei allen anderen Lebensbereichen sind sich die Deutschen nicht einig. Eine Familie und Kinder haben zu wollen, ist viel strittiger als die Erwerbsarbeit. Besitz und Vermögen zu mehren, treibt nur wenige Menschen so richtig an. Auch Entscheidungen aus Liebe zu treffen oder das Verbleiben in einer Partnerschaft allein der Kinder wegen ist bei vielen „out“, aber nicht bei allen. Und die Religion hat einen so niedrigen Stellenwert, dass sie als Band zwischen den Menschen nicht mehr viel leisten kann, daran ändern auch diejenigen, die den Stellenwert von Religion hoch einschätzen, nichts.

Nicht alle Befragten antworten also zurückhaltend: Viele stimmen vehement zu, andere aber lehnen ebenso vehement ab, dritte haben keine so rechte Meinung zu den Themen, es scheint ihnen egal. Dieses vielfältige Antwort-Verhalten hängt jeweils stark davon ab, welche Bildung, welches Einkommen und welches Geschlecht die Menschen haben. Es zeigt sich ein erhebliches Maß an gesellschaftlicher Ungleichheit heute.

2. Die normativen Vorstellungen: Starke, von allen geteilte Normen liegen in den Bereichen vor, die den Menschen heute auch besonders wichtig sind: Das Leben in der Gemeinschaft, Erwerbstätigkeit, ein gutes Leben. Weitere stark verbreitete Normen kommen hinzu: Die Wichtigkeit, etwas Neues zu beginnen, die Notwendigkeit, auf die Nahrungsmittelproduktion zu achten und die Technik zu verstehen. In anderen Bereichen finden wir nicht die eine Norm: Frauen haben andere Normen als Männer bei Liebe und Partnerschaft; junge Menschen haben andere Normen als ältere Menschen bei den Themen TechnikAkzeptanz, Internet und technische Hilfsmittel. Menschen mit geringer Bildung haben andere normative Vorstellungen als gut Gebildete, wenn es um Gesundheit und Ernährung geht.

Im Vergleich zum Hier und Jetzt des täglichen Lebens sind die normativen Vorstellungen aber viel weniger variantenreich. Ein Beispiel: Menschen mit hohem Einkommen würden mehr Geld zahlen, um dafür eine bessere medizinische Versorgung zu bekommen. Einkommensschwache Menschen können sich das nicht leisten. Gefragt, was sie an die nächsten Generationen weitergeben möchten, unterscheiden sich die sozioökonomischen Schichten aber nicht. Einkommensstarke Menschen wollen kein Gesundheitssystem, welches ihnen einen privilegierten, käuflichen Zugang gewährt. So zerrissen und ungleich die deutsche Gesellschaft auch ist, gemeinsame Normen bleiben in weiten Teilen bestehen und sind der nötige Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaft heute.

3. Die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt: Wie wird die Gesellschaft morgen tatsächlich aussehen? Die Befragten antworten unter Verweis auf das Hier und Jetzt und vergleichen sich mit ihren Mitmenschen: „Die anderen machen das heute so – und so wird es in Zukunft auch weitergehen.“ Es sind also keine losgelösten Zukunftserwartungen, die WZB und infas erhoben haben. Die Menschen schauen auf ihre Umgebung heute und auf gesellschaftliche Entwicklungen. Sie beurteilen also in gewisser Weise „die Anderen“ und vergleichen diese mit sich.

Die geäußerten Einschätzungen liegen dabei eng beieinander. So unterschiedlich die Menschen auch leben, so verschieden ihre Normen auch sein mögen, über die Welt „da draußen“ sind sie sich relativ einig. Dabei lassen sich drei Reaktionen unterscheiden: Oft hören wir die Antwort „weiß nicht“. Die Zukunft ist also unbestimmt und offen. Dies ist in den Bereichen Gemeinschaft, Gesundheit und Erwerbsarbeit der Fall. In anderen Feldern sprechen die Menschen eine konkrete Zukunftserwartung aus; diese werde „auf jeden Fall“ eintreffen. Hier scheint die Zukunft klar und eindeutig: Ein größeres Verständnis für und einen verstärkten Einsatz von Technik sehen alle in der Zukunft. Sicherheit durch Besitz sehen dagegen alle schwinden. Das dritte Antwortmuster beschreibt noch unentschiedene Welten: Hier gibt es nicht die eine Zukunft. Das Internet als Ort der Freiheit, das Zuhause als Zeichen der Beständigkeit sind Beispiele. Hier gibt es starke Pro- und Contra-Fraktionen. Die Zukunft ist umkämpft.

Wohin die Reise gehen soll – und wohin sie gehen wird

Nun haben DIE ZEIT, WZB und infas diese drei Dimensionen nicht erhoben, um sie isoliert voneinander zu betrachten. Die Partner der Vermächtnisstudie interessiert: Leben Menschen ihren Normen entsprechend? Oder gestehen sie sich ein, dass ihre Einstellungen und ihr Verhalten von den eigenen Normen abweichen? In welchen Bereichen findet man die Übereinstimmung von eigenem Handeln und eigenen Einstellungen mit der Norm, in welchen eine kritische Reflexion und Distanz? Das Ergebnis ist erstaunlich: Viel häufiger als erwartet äußern sich die Deutschen sehr selbstkritisch. „Ja, ich lebe so, tue dies oder jenes. Aber meine Einstellungen und Verhaltensweisen in die Zukunft weitergeben – das möchte ich nicht.“ Die faktische Arbeitsteilung im Haushalt, der Informationsstand über Politik und Kultur, das Achten auf die Nahrungsmittelproduktion sind dafür einige Beispiele. In diesen und anderen Bereichen wollen die Deutschen „bessere Menschen“ werden. Bewahren wollen sie dagegen ihre Einstellungen und Verhaltensweisen in den Bereichen Nähe und Gemeinschaft, Erwerbstätigkeit und Gesundheit. Die Befragten finden sich selbst in diesen Bereichen gut und wollen ihr Leben genau so weitergeben.

Am meisten beschäftigte das WZB aber der Dreiklang zwischen den Fragesätzen „ist“ – „soll“ und „wird“.  Denn nur diese Abfolge der Fragen gibt eine Antwort auf das Innovationspotenzial unserer Gesellschaft. Das WZB unterscheidet vier Gesellschaftsentwürfe: Stabilität, Antizipierte Erosion, Modernisierung und Kapitulation. Dahinter stehen unterschiedliche Persönlichkeitstypen: Menschen, die bewahrend und zuversichtlich sind, wünschen sich Stabilität, also eine Gesellschaft ohne viel Veränderung. Menschen, die bewahren wollen, gleichzeitig aber Angst vor Verlusten in der Zukunft haben, stehen für den Gesellschaftsentwurf Antizipierte Erosion. Menschen, die sich selbstkritisch und innovationsbereit zeigen, wünschen sich eine Modernisierung der Gesellschaft. Schließlich finden wir Menschen, die durchaus selbstkritisch und prinzipiell innovationsbereit sind, diese Innovationen aber nicht umsetzen können. Sie stehen verkörpern den Typ Kapitulation.

Stabilität. Leben die Menschen so, wie sie das normativ für richtig erachten und meinen überdies, dass diese Einstellungen und Verhaltensweisen auch in Zukunft Bestand haben, sprechen wir von gesellschaftlicher Stabilität. Die Menschen sind bewahrend und zudem zuversichtlich, dass alles so bleibt wie es ist. Empirisch finden wir keinen Bereich, in dem dies für die gesamte Gesellschaft zutrifft. Die Gesellschaft bewegt und verändert sich. Wohl aber zeigen Menschen einzelner Alters- und Einkommensgruppen eine solche Stabilität. „Wie sehr gilt für Sie, dass Sie die neueste Technik verstehen möchten?“ ist ein schönes Beispiel: Die 14- bis 17-Jährigen stimmen vehement zu, wollen dies auch weitergeben und meinen, dass auch die anderen diese Einstellung in Zukunft teilen. Viel Bewegung in der Gesamtgesellschaft kann also durchaus einhergehen mit der (Selbst-)Zufriedenheit einzelner Gruppen, die ihr Leben gefunden haben und dieses in der Zukunft fortgesetzt sehen wollen.

Antizipierte Erosion. Auch hier erachten die Menschen ihre Verhaltensweisen und Einstellungen für normativ richtig, befürchten aber, dass diese Werte in der Zukunft erodieren könnten. Dieses Muster sehen wir bei allen Fragen, die die Gemeinschaft betreffen: Nähe, Wir-Gefühl, die Freude am Leben, Erwerbstätigkeit, eigene Kinder haben.

Modernisierung. Zeigen sich Menschen selbstkritisch und innovationsbereit, so wird sich oft auch die Gesellschaft ändern, denn der Impetus ist da, die Unterstützung, der Antrieb. Bei der Akzeptanz von Technik ist das beispielsweise der Fall. Hier sehen die Menschen, dass sie ihr eigenes Verhalten hinterfragen müssen. Sie sehen auch eine Zukunft, die anders als das Hier und Heute sein wird. Dies begrüßen sie ausdrücklich. Bei diesem Typ sehen wir aber auch einzelne Gruppen, welche die Gesellschaft besonders entschlossen verändern wollen. Frauen etwa lehnen sehr klar ab, in einer Partnerschaft mit Kindern zu bleiben, wenn sich das Paar auseinander gelebt hat. Auch in der Akzeptanz des Internets können wir Gruppen identifizieren, welche die Gesellschaft verändern und die Zukunft prägen werden.

Kapitulation. Dieser Typ zeigt ungenutzte Potenziale: Man ist bereit, etwas zu verändern, und schafft das einfach nicht. In der Literatur bezeichnet man dies als Gefangenendilemma. Individuell haben die Menschen Anreize, nichts zu tun. Keinen Müll zu trennen, nicht wählen zu gehen, auf nachhaltige Nahrungsmittelproduktion nicht zu achten. Das alles wäre anstrengend, manchmal auch teuer. Dabei weiß jeder sehr wohl, dass die eigenen Verhaltensweisen für die Gesellschaft alles andere als gut sind, der eigene individuelle Nutzen also kollektiven Schaden anrichten kann. Der Blick auf das Verhalten der anderen zeigt, dass sich die meisten so verhalten, wie man selbst es tut. Noch ein Anreiz mehr, bei seinem Verhalten zu bleiben, auch wenn man sich durchaus selbstkritisch hinterfragt. Man resigniert und  kapituliert. Und die Gesellschaft verharrt in einem Zustand, der ihr schadet. Die vorliegende Studie zeigt viele Beispiele: Die Wichtigkeit, etwas Neues zu beginnen, auf die Gesundheit zu achten, sich über Politik zu informieren, die Mittel für ein solidarisches Gesundheitssystem aufzubringen oder auf gutes Essen zu achten. Dieses Gesellschaftsbild ruft nach einem gezielten politischen Handeln. Deutschland braucht Interventionen, Anreize, Sanktionen. Alleine werden es diese Menschen nicht schaffen, in einer Welt zu leben, die sie sich wünschen. Das ist das Vermächtnis, der Auftrag an uns alle.

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