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Unterwegs – oder auch nicht

Unterwegs zu sein gehört für die meisten Menschen zum Alltag. Der tägliche Weg ins Büro, zum Einkaufen, zu Freunden oder ins Fitness-Studio scheint selbstverständlich. Mobilität: Das ist nicht nur Bewältigung von Distanzen, sondern auch eine wesentliche Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Jeder Bundesbürger verbringt pro Tag im statistischen Schnitt knapp 90 Minuten im Auto, in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Fahrrad oder bewegt sich als Fußgänger fort. Von den 365 Tagen im Jahr sind wir knapp 23 nur auf Achse. Eine Veränderung des Ortes bedeutet neue Kontakte und sozialen Austausch. Mobil zu sein heißt, „mitleben“ zu können. Dabei kann das Bedürfnis nach räumlicher Mobilität durch andere Kommunikationsformen kaum substituiert werden.

Studien zeigen, dass etwa die intensive Nutzung sozialer Netzwerke im Internet physische Wege nicht ersetzt. Das Gegenteil ist der Fall: Durch vielfältige Online- Kontakte wird eher zusätzliche Mobilität generiert. Nur virtuell verbunden zu sein, scheint dem Menschen nicht zu reichen. Wird ein Weg tatsächlich eingespart – zum Beispiel durch einen Online-Einkauf anstelle der Fahrt ins Kaufhaus –, schafft das zeitlichen Spielraum, der in der Regel für andere Wege genutzt wird. Der Umfang der Mobilität insgesamt ändert sich nicht. Tag für Tag legen die Deutschen etwa 3,5 Wege zurück, knapp 1.300 Wege pro Jahr.

Gibt es Unterschiede zwischen den Kulturen?

Überraschend ist dabei, dass diese 3,5 Wege und 90 Minuten nicht nur hierzulande gelten, sondern in fast allen Kulturen. Ob in westlichen Industrieländern, in Entwicklungsländern, ob in ländlichen Regionen oder Metropolen – es sind magische Konstanten der Mobilität, die sich überall bei Messungen bestätigen. Unterschiedlich fällt nur die zurückgelegte Tagesstrecke aus. Sie hängt in hohem Maß von den zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln ab. In vom Automobil geprägten Gebieten wie Europa oder den USA legen die Bürgerinnen und Bürger häufig mehr als 50 Kilometer jeden Tag zurück. In Regionen, in denen dagegen viele Wege zu Fuß unternommen werden, beispielsweise in Entwicklungsländern, kommen selten mehr als zehn Kilometer zusammen. Um die Alltagsmobilität in Deutschland zu beschreiben, hat infas umfassende Datenbestände erhoben. Im Auftrag der Bundesregierung führte das Institut 2002 und 2008 Studien zu diesem Thema durch. Schon durch die schiere Menge der befragten Personen setzte die Untersuchung internationale Maßstäbe: Insgesamt wurden jeweils rund 100.000 Menschen interviewt. Sie gaben Auskunft über das ganz alltägliche Verkehrsgeschehen: Wer legt wann und wie welche Wege zurück?

Wer ist unterwegs?

Neben vielen anderen aus den Daten gewonnenen Erkenntnissen zeigten die Studien auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen Mobilität und Teilhabe auf. Während nur etwa jeder zehnte Bundesbürger an einem durchschnittlichen Tag gar keinen Weg zurücklegt, bleibt bei den über 65-Jährigen jeder Fünfte und bei den über 80-Jährigen sogar fast jeder Dritte zu Hause. Ähnlich sieht es bei den Menschen mit Mobilitätshandicaps aus, zu denen laut Selbstauskunft rund acht Prozent der Bevölkerung gehören. In dieser Gruppe war rund ein Viertel am Befragungstag gar nicht unterwegs, ein weiteres Viertel unternahm lediglich kurze Wege zu Fuß. Im Verlauf einer Woche nutzte jeder Fünfte weder das Auto noch ein öffentliches Verkehrsangebot.

„Die im Auto, Bussen und U-Bahnen verbrachte Zeit fehlt für andere Aktivitäten und Teilhabeformen.“

Das andere Extrem bilden doppelt belastete Personen wie berufstätige Mütter. Sie sind überdurchschnittlich häufig unterwegs, im Schnitt 4,5 Mal am Tag. Diese Wege dauern insgesamt zwei Stunden – 30 Minuten mehr als im Durchschnitt. Bei den doppelt Belasteten verkehrt sich der Zusammenhang zwischen Mobilität und Teilhabe häufig ins Gegenteil. Die im Auto, in Bussen und U-Bahnen verbrachte Zeit fehlt für andere Aktivitäten und Teilhabeformen.

Wie steht es um die Verkehrsmittelwahl?

Viele der genannten Eckwerte sind außerordentlich stabil. Sie gelten in der Stadt, in den Speckgürteln und der dörflichen Idylle, in den verdichteten Industrieländern wie in vielen anderen Regionen. Anders bei der Verkehrsmittelwahl. Zwar verändern sich deren Muster ebenfalls nur langsam, aber die infas-Ergebnisse für Deutschland und viele weitere Studien legen einen Wandel nahe. Nach einem stetigen Aufwärtstrend der Automobilität sieht es so aus, als könnte diese in den letzten Jahren gebrochen worden sein. Zwar wächst das absolute Verkehrsaufkommen vor allem durch ein Plus bei der Mobilität älterer Menschen langsam weiter, doch die Anteile des Autos gehen zurück. Gewinner sind vor allem das Fahrrad, aber auch der öffentliche Nahverkehr. Wie häufig lohnt jedoch ein genauerer Blick. Der Zuwachs im öffentlichen Nahverkehr geht vor allem auf eine höhere Nachfrage junger Erwachsener bis zu einem Alter von 25 Jahren in den größeren Städten mit einer entsprechenden Infrastruktur zurück. Sie sind weniger autobegeistert und sitzen seltener hinter dem Steuerals ihre Altersgenossen zehn oder zwanzig Jahre zuvor. Dieser Trend würde sich noch stärker auf das Gesamtergebnis auswirken, gäbe es nicht eine entgegengesetzte Entwicklung an der Spitze der Alterspyramide. Besonders die älteren Frauen verfügen heute zu sehr viel größeren Anteilen anders als entsprechende frühere Kohorten über einen Führerschein und damit den Zugang zu einem Auto oder sogar über einen eigenen Wagen. Ergebnis sind sowohl mehr zurückgelegte Wege als auch viel geringere Anteile von Strecken, die mit Bus oder Bahn oder dem Fahrrad bewältigt werden. Das Auto ist in dieser Gruppe zum Verkehrsmittel Nummer eins geworden.

Wird sich diese Entwicklung weiter fortsetzen? Auch die Senioren des nächsten Jahrzehnts gehören einer automobil aufgewachsenen Generation an. Für sie ist von Jugend an Teilhabe oft gleichgesetzt mit den eigenen vier Rädern. Sie werden diese Gewohnheit aller Voraussicht nach mit ins Alter nehmen. Und bei den heute jungen Erwachsenen in den Ballungsräumen muss sich erweisen, ob ihre Teilhabe auch jenseits der 30 weniger von dem eigenen Auto als mehr von einfach zu nutzenden geteilten Autos oder sogar dem öffentlichen Nahverkehr gesichert wird.

Zum Weiterlesen:

Publikationen zur Studie „Mobilität in Deutschland 2008“.

Artikel erschienen in Lagemaß 01, 7/2013

Bild der Zeitschrift "Lagemaß"