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Die Zukunft des Carsharings

Im Rahmen der Jahrestagung des Bundesverbands CarSharing (bcs), Berlin, hat infas Ende Juni in Göttingen zum Thema referiert. Basis waren die Ergebnisse der Studie [multimo], in der Carsharing gesondert ausführlich analysiert wurde. infas hat zudem eine weitere Studie für den bcs durchgeführt, die ebenfalls auf der Jahrestagung präsentiert wurde. Beide Untersuchungen sind nicht bevölkerungsrepräsentativ, sondern fokussieren auf den erfahrenen Carsharer. So wurden beispielsweise für die bcs-Studie 3.500 Kunden in 22 innenstadtnahen Postleitzahlbezirken mit einer gut ausgebauten Carsharing-Versorgung befragt.

Carsharing ist angetreten, das eigene Auto und damit „des Deutschen liebstes Kind“ zu ersetzen. Das impliziert eine der größten denkbaren Umwälzungen im  Alltags- und Mobilitätsverhalten. Da überrascht es nicht, dass Carsharing heute nicht reihenweise den Autobesitz reduziert. Häufig ersetzt das Leihangebot eher den Zweitwagen oder wird parallel zum eigenen Auto genutzt. Aber: 73 Prozent der Kunden von stationärem Carsharing lebten bereits zum Zeitpunkt der Anmeldung zum Carsharing in autofreien Haushalten. 18,5 Prozent der zum Zeitpunkt der Anmeldung noch vorhandenen Pkw wurden im Laufe der Carsharing-Teilnahme abgeschafft.

Allerdings hat das „Autoteilen“ bis heute noch nicht die breiten Massen erreicht. Es fällt auf, dass das Thema in einem liberal-intellektuellen Milieu stark verortet ist. Es sind vor allem Teile der gehobenen Mittelschicht oder Oberschicht, die das Carsharing-Angebot annehmen. In sehr vielen anderen Milieu-Gruppen, etwa dem Arbeiter- oder dem traditionell bürgerlichen Milieu ist Carsharing hingegen kaum angekommen. Das mag daran liegen, dass der Besitz eines eigenen Autos hier besonders wichtig ist. Denkbar ist aber auch, dass die rationale, oft ökologisch geprägte Konsumentenansprache diese Zielgruppen nicht überzeugt. Carsharing-Anbieter sollten daher ihre werbliche Kommunikation mit dem Ziel überprüfen, nicht nur Early-Adopters, sondern alle Bevölkerungsteile zu erreichen.

Denn das entscheidende am Carsharing ist das Learning der Nutzer, für ihre Mobilität verschiedene Angebote zu kombinieren und sie passgenau zu gestalten. Statt einfach „tumb“ für jede Strecke ins eigene Auto zu steigen, werden Optionen geprüft. Die Nutzer lernen die mögliche Kostenersparnis kennen, beziehen den ÖPNV mit ein und machen unter Umständen sogar ihr altes Fahrrad wieder flott. Der Verbund zwischen ÖPNV, Fahrrad und Carsharing spielt dann seine Stärken gegenüber dem eigenen Auto aus: Wegfallende Anschaffungs- und Wartungskosten, keine Parkplatzsuche, weniger Staus. Der Verzicht auf das eigene Auto wird nach dem „Umlernen“ dann von alleine erfolgen.

Dass sich Carsharing, ÖPNV und Fahrrad für eine optimale Mobilität gegenseitig ergänzen, liegt auf der Hand. Insofern sind Grabenkämpfe zwischen den Anbietern wenig hilfreich. Natürlich mag der ÖPNV-Anbieter vermuten, dass er die eine oder andere Fahrt an das Carsharing verliert. Der alteingesessene Carsharing-Anbieter mit ökologischen Wurzeln wird mit Skepsis beobachten, wie jetzt große Automobilkonzerne das Thema für sich entdecken. Dauerhaft erfolgreich werden die Anbieter alternativer Mobilitätsdienstleistungen nur sein, wenn sie eng zusammenarbeiten und dem Kunden eine nahtlose und übergreifende Lösung anbieten. Denn noch ist das mit Abstand am häufigsten genutzte Verkehrsmittel und damit der wesentliche Konkurrent der Individualverkehr mit dem eigenen Auto.

Zur Studie auf der Website des bcs

Zur multimo-Studie

Zündung, Startknopf im Auto